Aus aktuellem Anlass
Liebes Theater,
bald schon geht wieder ein Theaterjahr langsam zu Ende. „Zum letzten Mal in dieser Spielzeit“ lautet dann der wohl am häufigsten gebrauchte Satzteil in den Pressemeldungen der Theaterhäuser in der Republik. „Zum letzten Mal in dieser Spielzeit“ – das ist ein Abschiedsgruß. Für einen Abschied in die Theaterferien, vielleicht sogar für immer. Und ein Abschied schmerzt. Die Trennung, die Distanz, das vielleicht nie eintretende Wiedersehen. Doch tut Ihnen zur Zeit irgendetwas weh, wenn sie lesen, das Ibsens Nora am städtischen Bühnenhaus zum letzten Mal seinen Abschlussapplaus entgegennehmen wird? Schmerzt es in der Brust bei dem Gedanken, dass nach diesem Monat das jüngste Performanceprojekt der jungen Schauspielgruppe aus ihrem Ortsteil sich schlichtweg in die ewigen Jagdgründe verabschiedet? Seien Sie ehrlich. Hier auf der anderen Seite der Tastatur jedenfalls hält sich die Trauer in Grenzen. Was nicht heißen soll, dass einem keine der diesjährigen Theaterbekanntschaften ans Herz gewachsen wäre. Es sind nur ziemlich wenige. Und wenn Sie es wirklich wissen wollen, zu wenige.
Und um eines gleich klar zu stellen, hier will keiner einen Heiner Müller bemühen, keinen Appell zur Schließung der Häuser formulieren, auch keinen radikalen Kahlschlag in der Förderungsstruktur postulieren. Nur eine simple Frage möchte ich stellen: Mein liebes Theater, liebst du mich eigentlich noch?
Mich, den Zuschauer, der mit offenen Augen und tief schlagendem Herz in deinen dunklen Reihen sitzt. Mich, den Zuschauer, der sich in zweieinhalb Stunden mit einer Pause der Liebe, dem Intrigenspiel, dem Verlust und der Desillusionierung hingibt. Mich, den Zuschauer, der sein Leben durch deine Augen zu sehen gelernt hat und an deiner Hand der Welt immer wieder neu die Stirn zu bieten lernte. Und mich, den Zuschauer, der sich großherzig mit dir um die Sicht stritt, schwer schlucken musste in Momenten der Selbstentlarvung und seine Tränen so oft doch alleine mit nach Hause nahm.
Ich finde, wir müssen reden. Reden über unsere Beziehung. Unsere Komplizenschaft, die sich immer öfter nur noch einseitig manifestiert und ganz ehrlich gesagt, all zu oft nur noch in der Vergangenheitsform existiert. Mich schmerzt es, wenn ich lese, dass deine Stücke zum letzten Mal in dieser Spielzeit zu sehen sein werden. Nicht, weil ich sie unter Umständen nie wieder auf dem Programmzettel lesen werde. Nicht der Verlust ist es, der mir zusetzt, sondern die Tatsache, dass mir dabei gar nichts weh tut. Zu oft hattest du mir in den letzten Jahren nichts mehr zu erzählen. Bist stumm geworden und lau. Schautest geradewegs durch mich hindurch, als wäre ich plötzlich aus Glas gemacht und nicht aus Blut und Wasser. Angst und Träumen. Herz und Wut. Deine Hände greifen nicht mehr nach mir, deine Lieder berühren mich nicht mehr. Vielleicht singst du sie auch gar nicht mehr für mich.
Vielleicht hat die Zeit dich müde gemacht und kalt. Abgeklärt und abgebrüht und abgestumpft. Du verhandelst viel, aber fühlst so wenig nur. Scheinst getrieben vom ewigen Ruf nach Neuem, der alle fest im Griff hat. Gibst dir aber keine Zeit zum Suchen. Keine Zeit zum Finden. Keine Zeit zum Atmen.
Keine Zeit, um Konsequenzen zu haben.
Keine Zeit, um wirklich zu passieren.
Lass uns reden.
In fester Umarmung,
b.




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